Donnerstag, 10. April 2008
Wenn dir ein Fremder ganz nah ist
Ich habe mit einigen Menschen in meinem Umfeld gesprochen über das Thema "Hoffnung oder Realtität" und in mir drin war alles ganz aufgewühlt.

Mich beschlich die Angst vor dem Treffen morgen mit G.

Wie soll ich mich ihr gegenüber verhalten? Ich möchte sie nicht verletzen, nicht unnötig quälen und doch mir selbst treu sein und nicht lügen. Denn auch gut gemachte Lügen werden erkannt.

Innerlich zerriss es mich und ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Da erinnerte ich mich an diese eine Fremde, die mir damals das Leben gerettet hatte.

Ich bin ihr dankbar - bis heute noch - und denke immer wieder an dieses Gespräch.

Also rief ich sie wieder an...diese Fremde, eine namenlose Stimme ohne Verpflichtung, ohne Zwänge, ohne Lügen.

0800 - 111 0 111

Telefonseelsorge klingt immer so ... ja so ... merkwürdig halt.

Wir unterhielten uns fast 70 Minuten lang. Ein unglaubliches Gespräch, was mir für unseren weiteren Weg immer wieder Hilfe sein wird.

Es ist so schwer, wenn man jemanden Helfen möchte und (denkt) den richtigen Weg zu kennen - aber der andere anders denkt.

Man möchte ihn dann schütteln und sagen "siehst du denn nicht, dass das andere Richtiger wäre?"

Ich habe heute etwas lernen dürfen.

Dass ich Fragen stellen soll. Eben um mir selbst auch treu zu bleiben. "Glaubst du dass das die richtige Entscheidung ist", "Was wäre wenn es nicht gut würde", "Kannst du dir vorstellen, dass..."

Meine Fragen können zum einen sagen was ich denke, indirekt, und auf der anderen Seite werden sie die beiden zum nachdenken anregen.

Die wichtigste Frage wird sich ihnen in den nächsten Tagen stellen...Chemotherapie oder nicht. Ich hoffe, dass sie die richtige Entscheidung treffen. Ich meine die richtige Entscheidung, die ich für richtig halte...ob es für sie die richtige sein wird, können nur die beiden wissen.

Ich habe gelernt, dass ich niemandem meine Meinung "aufzwingen" darf, sondern dass ich ihre respektierne muss - und doch auch immer wieder andere Fragen stellen soll, um auch über die Dinge zu sprechen, die sie gerade verdrängen (wollen).

Ich wünsche mir, dass sie sich gegen die Chemotherapie entscheiden und noch so viele schöne Sachen und Momente erleben, wie ihnen vergönnt sind...ohne die Hektik des ärztlichen Terminkalenders, trügerischer Hoffnung, die unrealistisch ist, ohne Übelkeit, erbrechen und all den anderen Nebenwirkungen der Chemotherapie.

Und das ist meine Aufgabe...denk ich. Eben auch die unangenehmen Dinge zu sagen. "Glaubst du, dass es sinnvoll ist?"

Ich denke allein diese Frage wird Antwort genug sein.

Egal wie sie sich auch entscheiden werden. Das Unvermeidliche wird geschehen. W. wird sterben. Und sie sind nicht dumm...im Moment haben sie einfach nur Hoffnung.

Vor dem Telefonat dachte ich, dass ich so weit weg stehe und so rational bin...aber das bin ich nicht, sagte sie mir - diese Fremde am Telefon. Seitdem stehen mir die Tränen in den Augen.

Sie hat mir geholfen ein Stück weit meine Position zu finden in diesem "Stück".

Dass ich eines kann, Kraft haben und ihnen zur Seite zu stehen. Wie auch immer ihre Entscheidung aussehen wird.

Ich habe heute lernen dürfen, dass die Menschen sehr unterschiedlich sind. Dass es Menschen gibt, die Realität brauchen und dass es Menschen gibt, für die die Hoffnung sehr wichtig ist.

Wahrscheinlich würde ich mit der Realität besser umgehen können.

Was ich hier schreibe sind keine neuen Erkenntnisse, nur manchmal macht uns (und auch mich) der Wunsch jemanden anderen helfen zu wollen einfach blind.

Wir sehen dann nicht mehr seine Bedürfnisse und Ängste, sondern nur noch die Lösung und den Weg dorthin und versuchen mit allen Mitteln, dem anderen diese einzige Wahrheit überzustülpen.

Mich hat dieses Telefonat heute ein wenig demütig gemacht. Vor der Menschlichkeit, vor dem Menschsein, vor dem anderen.

Hier vor mir liegt eine Karteikarte, die ich G. geben möchte. Dort habe ich aufgeschrieben: "Menschen, die zuhören und auch Ratschläge erteilen wenn du nicht mehr weiter weisst! 0800-1110111 oder 0800-1110222

Ich bin eben nicht diejenige die auf alles eine passende Antwort hat und auch das sagen kann, was der andere in genau diesem Moment braucht. Aber vielleicht kann ihr auch so ein namenloses Gesicht, mit einer weichen fremden Stimme in irgendeinem Augenblick helfen.

Ich bin ihr sehr dankbar, meiner Stimme von vorhin.

Vor allem dafür, dass sie mir meine innere Ruhe wieder gegeben hat. Und auch die Kraft, um G. und W. eine Stütze zu sein.

Das Schönste ist aber auch das Wissen, dass es immer eine dieser Stimmen gibt, die mit mir reden werden wenn ich sie brauche.

Egal zu welcher Zeit!

frau vom meer | 0 Wellen |   Kommentieren